Light in the darkness

Hilfe zur Selbsthilfe für gefährdete Kinder und Jugendliche

Light in the darkness

Menschen helfen Ghettokindern !

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Der Artikel ist in der Zeitung “ Neues Deutschland” erschienen.

Die Bevölkerungsgruppe der Roma lebt in Europa größtenteils unter unzumutbaren sozialen und ökonomischen Bedingungen, die in unserem europäischen Sozialstaatsgefüge kaum vorstellbar sind. Mit Lagerfeuerromantik und dem Traum der ewigen Reise hat die Realität vieler Roma wenig zu tun. Stattdessen zeigt sich ein trostloses Bild vor allem in Osteuropa, das man fast nur erfassen kann, wenn man es mit eigenen Augen gesehen hat: Nicht nur wird der Mythos der Freiheit in Frage gestellt, sondern auch die eigene, westliche Toleranz.

Sofia

Unsere Reise geht von Berlin aus mit dem Flugzeug in die Hauptstadt Sofia, von dort mit dem Zug an das Schwarze Meer und weiter mit dem Pferdewagen in eine Roma-Siedlung in einem Vorort von Varna. Immer langsamer bewegen wir uns fort und entfernen uns immer mehr von unserer westeuropäischen Gedankenwelt.

Eine erste Vorbereitung auf das, was uns erwartet, erhalten wir, als wir in Sofia am Bahnhof auf den Zug warten. Eine Roma kommt mit ihrer Kreditkarte auf uns zu und bittet um Hilfe beim Geldabheben. Wir sind zunächst verdutzt, doch sie gibt uns die Karte, nennt ihren Pin-Code und verlangt zehn Lewa. Analphabetismus auf diesem Level ist für uns erschreckend, das Vertrauen erstaunlich. Ob sie es nächstes Mal allein kann? Ja Mädchen, lachend geht sie davon, und wir steigen in den Zug.

Rosental

Auf dem Weg an die Schwarzmeerküste übernachten wir in einem kleinen Landhaus im Rosental, welches auf halber Strecke zwischen Sofia und Varna liegt. Bewirtet werden wir von einem älteren Ehepaar mit selbstgebranntem Feigenschnaps und einem Schopska-Salat mit Gemüse aus eigenem Anbau und Schafskäse. Grillen zirpen, der Schäferhund liegt träge in der Ecke, die bulgarische Idylle ist perfekt. Ich gehe zum Grill, um mir ein Stück Steak zu nehmen. Der Hund fängt wie wild an zu bellen und geht auf mich los. Nur mit Mühe lässt er sich beruhigen. Die Oma rät mir, mit Schlurfen aufzuhören, dass machen die Zigeuner. Der Hund ist darauf trainiert, gerade vor diesen zu schützen. Etwas unglaubwürdig mutet diese Szene an. Doch tatsächlich: Ich hebe die Beine, und der Hund ist still, lässt sich sogar streicheln.

Varna

Am nächsten Morgen geht es weiter nach Varna. An der Endstation des Busses haben wir uns mit Frank, einem christlichen Missionar in der Roma-Siedlung, und seinen Jungen verabredet. Er und die Kinder holen uns mit Pferdewagen ab, und zusammen reiten wir durch die Großstadt Varna. Einer von den Jungen fragt uns, wie viele Pferde wir denn in Berlin besäßen, und ist ganz erstaunt darüber, dass bei uns keiner mehr mit der Pferdekutsche fährt.

Markt

Bevor wir in die Siedlung fahren, wollen wir mit den Roma-Jungen auf den Markt, um frisches Obst und Gemüse für die Kinder zu kaufen. An Vitaminen mangelt es meist, zum einen aus finanziellen Gründen, zum anderen aber auch, weil die nötige Sensibilität bei den Eltern fehlt. Der Tag ist ruhig, träge nahezu. Auf einmal ein Lärm, als sich unsere Gruppe dem Markt nähert. Die Straßenhunde bellen wild, kommen auf uns zugerannt. Die Jungen heben schon Stöcke. »Wir kennen das. Jedes Mal, wenn wir hierher kommen, bellen die Hunde. Das ist halt so, die erkennen uns.« Sie zucken mit den Schultern, als ob sie ihr Stigma längst akzeptiert hätten. Optisch erkennt man, dass sie eine Gruppe Zigeuner sind – dunkle Haut, ärmlich gekleidet, eine Horde Verwahrloster. Doch Hunde sehen nur schwarz-weiß. Es gibt also auch ein akustische Vorurteil, die alte Dame im Rosental hatte Recht.

Siedlung

Hier hört Europa auf – mit diesem Satz werden wir in der Siedlung begrüßt. Bilder der Verwestlichung und der Verwahrlosung zeigen sich uns. Ein kleiner Knirps hat sich D&G – Dolce und Gabana – in die Haare rasieren lassen. Ein Mädchen uriniert ungeniert vor uns in den Schnee. Eklatante Unterschiede gibt es, eine Hierarchie der Armut bietet sich dar: In mehrstöckigen Häusern die einen, die anderen auf kleinstem Raum in Hütten, gezimmert aus Wellblech und Pappe. Doch Gastfreundschaft nahezu überall, mit wie viel Kalkül, spielt zunächst keine Rolle.

Station und Gottesdienst

Frank bringt uns in seine Station. Zehn von den Jungen kommen mit, wir spielen mit ihnen Karten. Sie schummeln wie die Weltmeister, lachen, wenn sie ertappt werden. Danach wollen sie mit uns zu orientalischer Musik tanzen. Wie so oft bei den Roma ist es Tanz, der verbindet. Wer zusammen tanzt, ist Freund. Es sind glückliche Kinder, bis man ihre Geschichten hört. Tagein, tagaus herrscht Chaos im Viertel, und was dem einen Schlechtes widerfährt, wird dem Nächsten weitergegeben.

Frank hält heute den Kindergottesdienst im Viertel. Er setzt rund 30 Kinder in einen Stuhlkreis und muss erst gegen ihren Lärmpegel ankommen. Er schreit, gestikuliert wild, seine Brocken Bulgarisch und Ziganski wiederholend. Die Kinder hören, werden still. Drei Jahre Arbeit hätte dies gebraucht, erzählt Frank. Eine Schweigeminute für alle. Eine Stille, die für die Kinder nicht oft erlebbar ist. Die Kleinsten unter ihnen gucken gespannt. Dann wird das Halleluja gesungen, zunächst auf Bulgarisch, dann Englisch, schließlich Deutsch und auf Wunsch der Kinder auch auf Ziganski, wie sie ihre Sprache nennen. Am Ende klatschen alle begeistert und lauschen danach den Geschichten über Jesus Christus. Selbst, wenn man nicht gläubig ist, so kann man hoffen, dass sie aus der Bibelgeschichte wie aus einer Parabel lernen.

Krankenhaus

Wird den Kindern nicht geholfen, so werden sie – heute noch Opfer – potenziell die Täter von morgen sein. Eigentlich braucht jeder von ihnen eine psychologische Behandlung, viele von ihnen sind traumatisiert. Doch selbst, wenn es sich nur um äußerliche Gebrechen handelt, ist ärztliche Hilfe oft unzureichend. Mit Diskriminierung ist beim Besuch des Krankenhauses stetig zu rechnen, ihre Rechte als Patienten sind den Roma oft nicht bekannt, und mangelnde Sprachkenntnisse führen in einen Abhängigkeitszustand, der Behandlungen nur durch Zahlungen an den leitenden Arzt ermöglicht. Mit einem Gipsbein wird der zwölfjährige Velin ins Krankenhaus geschickt. Die Empfangsdame ist ungehalten, will ihn gleich nach Hause schicken. Eine Etage höher ist mit viel Bitten und 20 Lewa zusätzlich eine Kontrolle möglich. Der Arzt will seinen Ausweis sehen. Schulterzucken, es gibt keinen Pass, Velin existiert offiziell nicht. Ohne Geburtsurkunde wurde er vermutlich zwischen den Hütten der Siedlung geboren. Wer ist Velin? Er verhaspelt sich, bringt Vor- und Vatersnamen durcheinander und schaut Hilfe suchend zu seiner Tante. Der Wohnort, raunzt der Arzt skeptisch. Die Tante wiederholt: »Velin wohnt im Ghetto. Der Vater ist im Knast, die Mutter Prostitutierte. Was wollen sie?« Das Lächeln aus dem Gesicht des Jungens schwindet, der Arzt hatte nie gelächelt. Doch er gibt nach. Die Prozedur ist erniedrigend.

Wieder zurück vom Arzt, führt uns Frank zu einer alten Dame. »Sie ist eine, die man früher als Hexe bezeichnet hätte«, erzählt er uns. Okkulte Prediger raten den Roma, dass beten genug sei, um die Kinder vor Krankheiten zu beschützen. Medizin sei Teufelszeug und nicht notwendig. Vor allem bei den Alten, die zum Teil auch an Geister glauben, findet dies Gehör. Tätowierungen sollen vor bösen Blicken schützen. Ein Hahn wurde geschlachtet, dessen Blut mit Zement vermengt und als Anhänger um den Hals getragen. Womöglich ist ein nicht zu vernachlässigender Teil der Roma in der Siedlung mit Aids oder Hepatitis infiziert, ohne es je zu merken, da sie an einfachen Grippen sterben. Als wir auf die alte Dame treffen, hat es ihr die Sprache verschlagen. Sie löst ihr Halstuch: An der Stelle des Kehlkopfes klafft ein Loch, Gelder für Operationen und oder elektronische Sprechhilfen fehlen. Amulette helfen hier wenig, doch Alternativen gibt es nicht, und so wird westliche Moral konterkariert durch osteuropäische Realitäten.

Von Anna Georgiev, 15.11.2008